Viele Männer kennen das Problem: Mit zunehmendem Alter wird der nächtliche Gang zur Toilette häufiger, der Urinstrahl schwächer oder die Blase fühlt sich nach dem Toilettengang nicht richtig leer an.
Häufig steckt dahinter eine gutartige Vergrößerung der Prostata, medizinisch benigne Prostatahyperplasie oder kurz BPH.
Eine solche Prostatavergrößerung ist im Alter sehr häufig. Sie kann unangenehm sein und die Lebensqualität beeinträchtigen. Deshalb stellt sich eine interessante Frage:
Können bestimmte Lebensmittel wie Cranberrys oder Kürbiskerne dabei helfen, die Beschwerden zu lindern?
Die Antwort ist tatsächlich spannender, als man vielleicht vermuten würde.
Wenn die Prostata größer wird
Die Prostata liegt direkt unterhalb der Harnblase und umschließt einen Teil der Harnröhre.
Mit zunehmendem Alter kann das Gewebe der Prostata wachsen. Wird die Prostata größer, kann sie die Harnröhre stärker einengen. Dadurch kann das Wasserlassen schwieriger werden.
Typische Beschwerden sind beispielsweise:
ein schwächer werdender Harnstrahl
häufigerer Harndrang
nächtliches Wasserlassen
Schwierigkeiten, mit dem Wasserlassen zu beginnen
das Gefühl, dass die Blase nicht vollständig entleert ist
Nachtröpfeln
Wichtig ist dabei: Eine gutartige Prostatavergrößerung ist nicht dasselbe wie Prostatakrebs.
Allerdings können ähnliche Beschwerden auch andere Ursachen haben. Neue oder zunehmende Beschwerden beim Wasserlassen sollten deshalb ärztlich abgeklärt werden.
Cranberrys: Mehr als nur gut für die Blase?
Cranberrys werden vor allem mit der Gesundheit der Harnwege in Verbindung gebracht. Doch könnten sie auch bei Beschwerden helfen, die mit der Prostata zusammenhängen?
Dazu gibt es tatsächlich klinische Untersuchungen.
In einer randomisierten Studie erhielten Männer mit Beschwerden der unteren Harnwege über sechs Monate täglich 1.500 Milligramm getrocknetes Cranberrypulver. Im Vergleich zur Kontrollgruppe verbesserten sich unter anderem die Beschwerden beim Wasserlassen und die Lebensqualität. Auch verschiedene Messwerte der Blasenentleerung entwickelten sich günstiger.
Das klingt vielversprechend.
Allerdings sollte man sich die Studie genauer anschauen: Es handelte sich um eine relativ kleine Untersuchung mit nur 42 Teilnehmern. Außerdem untersuchte sie Männer mit bestimmten urologischen Beschwerden und nicht einfach jeden Mann mit einer vergrößerten Prostata.
Cranberrys sind deshalb interessant, aber noch lange kein Ersatz für eine medizinische Behandlung.
Es kommt auf die Form an
Eine wichtige Besonderheit wird leicht übersehen.
In der Studie wurden getrocknete Cranberrys beziehungsweise Cranberrypulver verwendet.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Cranberrysaft dieselbe Wirkung hat.
Gerade handelsübliche Cranberrygetränke können beträchtliche Mengen Zucker enthalten und unterscheiden sich deutlich von einem konzentrierten Pulver aus ganzen Früchten.
Auch getrocknete Cranberrys aus dem Supermarkt sind nicht unbedingt mit dem in Studien eingesetzten Produkt vergleichbar.
Wer Cranberrys in die Ernährung integrieren möchte, sollte deshalb auf die Zutatenliste achten und möglichst Produkte mit wenig oder keinem zugesetzten Zucker wählen.
Und was ist mit Kürbiskernen?
Noch interessanter wird es bei Kürbiskernen.
Sie werden in der traditionellen Pflanzenheilkunde schon seit langer Zeit bei Beschwerden der Harnwege eingesetzt. Inzwischen gibt es auch Untersuchungen mit Männern, die typische Beschwerden einer gutartigen Prostatavergrößerung haben.
Eine besonders interessante Studie ist die sogenannte GRANU-Studie.
Daran nahmen 1.431 Männer zwischen 50 und 80 Jahren mit Beschwerden der unteren Harnwege teil. Sie wurden zufällig verschiedenen Gruppen zugeteilt: Eine Gruppe erhielt täglich Kürbiskerne, eine zweite ein Kürbiskernextrakt und eine dritte ein Placebo.
Die Männer in der Kürbiskern-Gruppe bekamen insgesamt 10 Gramm Kürbiskerne pro Tag, also ungefähr zwei Portionen zu je fünf Gramm.
Nach zwölf Monaten zeigte sich ein interessanter Unterschied: Bei den Männern, die Kürbiskerne gegessen hatten, verbesserten sich die Beschwerden stärker als unter Placebo.
Beim Kürbiskernextrakt war dagegen kein entsprechender Unterschied gegenüber dem Placebo festzustellen.
Das ist bemerkenswert, denn es deutet darauf hin, dass nicht unbedingt ein hochkonzentrierter Extrakt notwendig ist.
Ganze Kürbiskerne statt Nahrungsergänzung?
Genau hier wird es für die Ernährung interessant.
Die Studie verwendete ganz normale Kürbiskerne, keine komplizierte Nahrungsergänzung.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Kürbiskerne Medikamente ersetzen können. Aber es zeigt, dass ein einfaches Lebensmittel möglicherweise einen kleinen Beitrag zur Linderung bestimmter Beschwerden leisten kann.
Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) führt Kürbiskerne als traditionelles pflanzliches Mittel zur Linderung von Beschwerden der unteren Harnwege im Zusammenhang mit einer gutartigen Prostatavergrößerung. Dabei wird ausdrücklich vorausgesetzt, dass ernsthafte Erkrankungen zuvor ärztlich ausgeschlossen wurden.
Warum könnten Kürbiskerne interessant sein?
Kürbiskerne liefern unter anderem ungesättigte Fettsäuren, Eiweiß, Magnesium, Zink und verschiedene Pflanzenstoffe.
Welche Bestandteile genau für die beobachteten Effekte verantwortlich sein könnten, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt.
Deshalb sollte man auch vorsichtig mit Aussagen sein wie „Dieser Inhaltsstoff lässt die Prostata schrumpfen“.
Das konnte die Studie nicht zeigen.
Untersucht wurde vor allem, ob sich die Beschwerden beim Wasserlassen verbessern.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Die Prostata muss nicht kleiner werden, damit es einem besser geht
Eine vergrößerte Prostata und die Stärke der Beschwerden sind nicht immer direkt miteinander verbunden.
Ein Mann kann eine relativ große Prostata haben und nur geringe Beschwerden verspüren. Ein anderer kann trotz weniger ausgeprägter Vergrößerung erhebliche Probleme beim Wasserlassen haben.
Deshalb ist für den Alltag vor allem interessant, wie stark die Beschwerden sind und wie sehr sie die Lebensqualität beeinträchtigen.
Bei den Kürbiskernen zeigte sich in der Studie genau dort ein interessanter Effekt: Die Beschwerden wurden über einen längeren Zeitraum messbar geringer.
Ein wichtiger Hinweis: Nicht selbst behandeln
So verlockend natürliche Mittel auch sein mögen: Probleme beim Wasserlassen sollte man nicht einfach auf eine gutartige Prostatavergrößerung schieben.
Beschwerden können unterschiedliche Ursachen haben. Deshalb sollte ein Arzt insbesondere bei neu auftretenden, zunehmenden oder starken Beschwerden klären, was dahintersteckt.
Das gilt besonders bei Blut im Urin, Schmerzen, Fieber, Problemen beim Wasserlassen oder wenn die Blase plötzlich gar nicht mehr entleert werden kann.
Auch bereits bestehende Medikamente sollten nicht eigenständig durch Kürbiskerne, Cranberrys oder andere Nahrungsergänzungsmittel ersetzt werden.
Was lässt sich daraus mitnehmen?
Cranberrys und Kürbiskerne sind keine Wundermittel.
Trotzdem gibt es interessante wissenschaftliche Hinweise darauf, dass Cranberrypulver Beschwerden der unteren Harnwege verbessern könnte und dass regelmäßiger Verzehr von Kürbiskernen bei Männern mit leichten bis mittelschweren Beschwerden einer gutartigen Prostatavergrößerung hilfreich sein könnte. Die Datenlage ist allerdings noch nicht stark genug, um daraus eine allgemeine Therapieempfehlung abzuleiten.
Für Kürbiskerne spricht immerhin, dass die Untersuchung mit einem ganz gewöhnlichen Lebensmittel durchgeführt wurde.
Eine kleine Portion Kürbiskerne lässt sich außerdem unkompliziert in die Ernährung einbauen, beispielsweise über Salate, Suppen, Haferflocken oder einfach als Bestandteil einer abwechslungsreichen Zwischenmahlzeit.
Und bei Cranberrys gilt: lieber auf möglichst naturbelassene Produkte mit wenig zugesetztem Zucker achten.
Die vielleicht wichtigste Botschaft lautet deshalb: Ernährung kann ein Teil eines gesunden Lebensstils sein und möglicherweise auch bestimmte Beschwerden positiv beeinflussen. Sie ersetzt aber nicht die ärztliche Abklärung, besonders dann nicht, wenn es um die Prostata und Veränderungen beim Wasserlassen geht.
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